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Der Pop-Sänger Enrique Iglesias verkauft mehr Platten als sein berühmter Vater.
Das Erfolgsrezept aber ist das gleiche: Sex sells!
Es gibt Frauen, die Julio lieben, und auf der anderen Seite Frauen, die Enrique
scharf finden, und dazwischen gibt es ganz wenige, nur ein paar, die zu ihrem
Stefan stehen. Die Julio-Fraktion - "Hulio" wispern seine Anhängerinnen mit
kastilischem Zungenschlag von Münster bis Murmansk - glaubt an die Ewigkeit von
Amor, Amor, Amor und den dito niemals schwindenden Zauber von dunklem
Schmelzblick und sonnenverbrannter Haut; Enriques girls hingegen schätzen - nun,
dunklen Schmelzblick und die Aussicht auf all die heißen Nächte und One-
Night-Stands, von denen er in ausverkauften Hallen singt, im Grunde also auch
hier Amor, Amor, Amor. Hulios Ladys lassen Rosen und Schlüpfer auf die Bühne
regnen, Enriques aufgeregte Bande pfeffert G-Strings. Es sei, konzediert Enrique
auf Nachfrage, tatsächlich bemerkenswert, dass er genau wie sein Vater Hulio von
Millionen Frauen weltweit angebetet werde. "Aber im Gegensatz zu ihm", grummelt
er, "habe ich nicht mit ihnen allen geschlafen." Was hoffentlich nicht daran
liegt, dass wie er angeblich gerade in einem Interview bekannt hat - sein Penis
viel, viel zu klein sei.
Für all die Stefans unter den Lesern, die keine Ahnung haben, von welchem Julio
und Enrique überhaupt die Rede ist: Es handelt sich selbstverständlich um die
Herren Iglesias. Sangeskünstler alle beide: der zeitlosen Schnulze der eine, dem
zeitgenössischen Latin-Pop-Song der andere verpflichtet, zwei Generationen von
Herzensbrechern aus demselben iberischen Gen-Pool. Der Alte ein Charmeur alter
Schule: mit tief aufgeknöpftem Hemd, ölschwarzer Locke hinterm Ohr, ein
Flachleger mit Handküsser-Renommee, der auch in lispelndem Deutsch Platten
aufnahm ("... und das Lied chört nie auf, bis indä Ewischkaaaaiit ...") und
seine nur mäßig beeindruckende Stimme durch die Kraft seiner Lenden wettmachte.
Auf ihn stehen Frauen, denen Vater Julio zu olio ist
Enrique ist das dritte Kind aus Julios erster Ehe mit einer Schönheitskönigin
von den Philippinen, die in Madrid beim Klatschblatt "Hola" arbeitete. Der 1975
Geborene setzt sozusagen die Tradition fort, jedoch auf aktuelle Art und Weise:
nicht mit aufgeknöpftem Hemd, eher mit aufgeknöpfter Hose. Bisschen rockig,
bisschen rotzig, Schlafzimmerblick, Schmollmund, trägt Baseballkappen, als wären
sie auf seine Kopfhaut getackert, und überhaupt Klamotten wie ein Zwölfjähriger,
was vielen ja als sexy gilt. "Bild am Sonntag" schwurbelte vor ein paar Jahren
von Enriques "überirdischer Schönheit", die "für Normalsterbliche ohne Warze
fast nicht mehr zu ertragen" sei. Und in der Tat strahlt der junge Mann jenes
Selbstbewusstsein aus, wie es nur Menschen eigen ist, die sehr attraktiv oder
sehr erfolgreich oder im vorliegenden Fall beides sind: Er kommt unbekümmert
unverschämt spät zum Interview, küsst beim Betreten eines Raums erst einmal
sämtliche anwesenden Frauen und behält die Sonnenbrille auf, auch wenn er durch
das tintenschwarze Glas kaum den Blackberry wahrnehmen kann, an dem er die ganze
Zeit herumdaddelt. Schlechte Erziehung, Julio? Nun ja: Enrique verströmt
gleichzeitig den Charme eines jungen Hundes, ungekünstelt und ungeschliffen,
darauf stehen halt Frauen, denen Hulio irgendwie zu olio ist.
Er habe verschlafen, nuschelt er, gestern habe er zwei Schlaftabletten
eingeworfen, anders käme er nie zur Ruhe. So sei er immer gewesen, ein
hyperaktives und nervöses Kind. Sogar beim Arzt war er schon wegen seiner
Schlaflosigkeit, aber der habe Hypnose vorgeschlagen, so ein Bullshit. Enrique,
muss man wissen, lebt seit früher Jugend in den USA, da rollen einem
amerikanische Flüche so locker über die Zunge wie Julio das Amor, Amor, Amor.
Iglesias, der Vater, hatte 1981 die drei Kinder in sein Domizil nach Florida
geholt, damals schon geschieden von der Schönheitskönigin. Sein Vater nämlich,
also Enriques Opa, war von der Eta entführt und drei Wochen lang gefangen
gehalten worden; gefährliche Zeiten in Spanien. Die Kinder - Isabel, genannt
Chabéli, die als TV-Journalistin in Los Angeles Karriere machte, Julio Junior,
der für Versace gemodelt und in Seifenopern gespielt hat und sich natürlich auch
als Sänger versuchte, sowie Nesthäkchen Enrique - wuchsen in einer Villa auf der
abgeschirmten Insel Indian Creek vor Miami auf, besuchten teure Privatschulen.
Enrique schrieb sich später an der Uni für Wirtschaftswissenschaften ein,
schmiss aber nach einem Jahr wieder hin, weil er längst die Musik für sich
entdeckt hatte.
Enrique setzt die Tradition seines Vaters fort - nur erfolgreicher
1996 erschien sein erstes Album. Inzwischen, sagt er achselzuckend, habe er
mehr, sehr viel mehr als sein Vater verkauft, gilt als erfolgreichster Sänger
spanischer Zunge auf der Welt. Er liebe den Alten, sagt er. Auch wenn er ihn in
den vergangenen zehn Jahren nur vier-, fünfmal gesehen hat. "Wir haben kein
enges Verhältnis, aber ein gutes", murmelt er. "Und wenn es anders wäre, würde
ich es sagen." Hätte er ein Problem, riefe er Julio an? "Niemals", antwortet er
überrascht und nimmt vor Schreck die Sonnenbrille ab. "Ich rufe nie
irgendjemanden an, wenn ich ein Problem habe! Ich bin ein einsamer Wolf." Er
blinzelt mit verschlafenen Augen. "Ich bin so gern allein. Ich hatte nie Angst
davor!"
Wie findet seine Freundin diesen Drang nach Einsamkeit? Jetzt schaut er wacher.
Das Thema mit der Freundin ist irgendwie heikel. Anna Kurnikowa, ehemaliger
Tennis-Profi aus Russland und wegen ihrer langen Beine zu größerem Ruhm gelangt
als mit der Rückhand, lernte den Latino-Star bei den Dreharbeiten zu einem
Musikvideo kennen, seitdem wird das schöne Paar vehement von der Klatschpresse
verfolgt. Letzter Stand: Die britische "Sun" meldet, die beiden hätten sich
getrennt. Man habe unterschiedliche Auffassungen über die Familienplanung
gehabt. Sie wolle Kinder, Enrique nicht.
Für sein neues Album hat er sich "den Arsch aufgerissen"
Auf seinem Album - passend "Insomniac" benannt, Schlafloser - ist auf jeden Fall
schon mal viel von Trennungsschmerz und Abschied die Rede. Oh, I miss you, oh, I
miss you, oh baby, since you walked away... im Grunde dieselben Leiden, die auch
sein Herr Papa am Mikrofon so durchmacht, nur hier nicht unterlegt von Geigen
und Geschluchze, sondern mitreißenden, scharfen Rhythmen. Eine schöne Tanzplatte
ist es geworden: ein bisschen HipHop, ein bisschen Orient, ein bisschen Pop-
Pomp, alles eingängig und unterhaltsam. Drei Jahre lang hat Enrique an
"Insomniac" gearbeitet - ohne Not, versteht sich, er müsste für den Rest seines
Lebens keinen Finger mehr rühren. Fünfzig Songs hat er geschrieben - "ich sage
nicht, dass das mein bestes Album ist. Aber das, wofür ich mir am meisten den
Arsch aufgerissen habe!" So würde Julio vermutlich nie reden. Aber Hulio ist 63,
da brennt die Leidenschaft nicht mehr ganz so lautstark. Einerseits.
In der Dominikanischen Republik, deren Staatsbürger Julio im Jahr 2005 geworden
ist, kam andererseits drei Tage vor Enriques 32. Geburtstag sein fünftes
Halbgeschwisterchen auf die Welt. Guillermo, Hulios achtes Kind, entstammt
seiner nunmehr siebzehn Jahre dauernden Beziehung mit dem niederländischen
Ex-Model Miranda Rijnsburger. Man beachte, Julios Vater hatte mit 90 sein
letztes Kind gezeugt; so gesehen ist noch viel drin. Einer leicht zu
überprüfenden Statistik zufolge macht etwa alle 30 Jahre ein Iglesias weltweit
die Frauen verrückt. Da kann sich Klein-Guillermo schon mal auf was einstellen.
Denn wie heißt es so schön? Das Lied hört nie auf, bis in die Ewischkaaaaiiit.
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